2006




Beifall: Die Aktiven der "Serenata Grabbiana". Foto: Schwabe

Annika Treutler - die Beste
unter den Guten


Serenata Grabbiana bot interessanten Einblick in eine neue Generation klassischer Musiker

Detmold (ans). Im geschützten Raum klassischen Musizierens hat ein erstaunliches Paradoxon seine Heimstatt. Das Wiederholte wird zum Moment spontaner Lebenskraft. Was oft schon war, wird jetzt wieder neu. Annika Treutler, die Beste unter den Guten, schenkte dieses Erlebnis den leider nicht zu vielen Zuhörern auf der zweiten Serenata Grabbiana.

Annika Treutler spielt Klavier, und sie hat Unterricht bei der Detmolder Grande Dame der hohen Kunst der Tastenbeherrschung, Professorin Renate Kretschmar-Fischer. Diese hat es sich am Donnerstagabend nicht nehmen lassen, einmal wieder zu erleben, wie eine ihrer Eleven in die Welt der Musik einzutauchen vermag, dass dem Hörer vor Freude das Herz hüpft. Vor Jahren spielte Matthias Kirschnereit das b-Moll- Scherzo von Frederic Chopin (1810 - 1849) eben an diesem Ort. Auch er hatte bei ihr Unterricht. Heute gilt der Professor als einer der bedeutendsten Interpreten seiner Generation.

Vorgestern spielte Annika Treutler eben dieses Scherzo. Die junge Frau gestaltete den Kontrast zwischen spannender Eröffnungsfigur und mächtigen Akkorden - die nur aus einem Basston gewonnene energische Modulation, den neuerlichen Wechsel zum singenden Klavier, das herrliche Sich-Drehen in den von der Ferne ewiger Schönheit herüberleuchtenden Tänzen mit Staunen machender, befreiter Gestaltungssicherheit.

Ein großes Talent. Annika Treutler saß an diesem Abend mehrfach am Klavier, unter anderem, um ihren Bruder Nico zu begleiten, einen jungen Cellisten, der nicht ohne Grund schon als Stimmführer im Auswahlorchester des Regierungsbezirkes sitzt. Für diesen Abend hatte er sich allerdings mit "At the fountain" von Carl Davidoff ein Werk ausgesucht, in dem er seine sehr schöne Tongebung nur an wenigen Stellen wirklich eindrucksvoll zur Geltung bringen konnte.

Die burlesken Sechzehntelketten dieses Stückes vermochte Treutler noch nicht zu einer eindeutigen Aussage zu formen. Ein drittes Mal begleitete Annika ihre Musikkollegin Luise Höcker bei ihrer Interpretation zweier Brahmslieder für Alt, Viola und Klavier. Die Bratsche spielte Teresa Westermann, die als Abiturientin das letzte Mal in dieser Konzertreihe des Grabbe-Gymnasiums dabei sein konnte. Auch Carsten Duffin wird die Schule verlassen.

Der hochbegabte Hornist beschloss gemeinsam mit seiner nahezu ebenbürtigen Schwester Victoria die Reihe der kammermusikalischen Auftritte dieses Abends mit einer eindrucksvollen Interpretation des fünften von sechs Duetten von Otto Nicolai. Damit nicht genug. Den krönenden Abschluss des gut einstündigen Konzertes bot der Oberstufenchor unter Hanne Sentker.

Den jungen Sängerinnen und Sängern sowie dem Ensemble aus Johannes Heptner, Klavier, und den Gebrüdern Aschot und Tigran Kharatyan, Violinen, gelang eine sehr verständliche und dadurch ergreifende Darstellung der fremdartigen Klangwelt, mit der Hugo Distler einige christliche Kernaussagen neu vergegenwärtigte.
LZ vom 4. März 2006