Konzert mit Festreden
Von Christian Oesterwinter

Washington DC, Sonntag, 27. Mai,
National Memorial ConcertHeute war Probe von 12.30 bis 15.30 Uhr, dann wurden noch Podeste aufgebaut,
ein Chor soll auch noch auf der Bühne Platz haben. Man merkt, das
Konzert rückt näher.

Wer
Interesse hatte, fuhr danach mit uns zur National Mall, um vor dem
Capitol das Konzert des National Sinfony Orchestra zu Ehren der
Gefallenen in den Kriegen seit dem zweiten Weltkrieg zu hören.
Nach den hochsommerlich heißen Tagen schien sich ein Gewitter zusammenzubrauen, als wir in die U-Bahn stiegen. Nach einer halben
Stunde
hörten wir, das Konzert sei abgesagt, nach den pudelnassen Leuten zu
urteilen, die zwischendurch eingestiegen waren, musste es wohl heftig
regnen. Die Stimmung unter uns war trotzdem prima, einige
vertrieben sich die Wartezeit an den U-Bahnstationen mit Raps.
Schließlich war das Konzert aber doch nur etwas verschoben worden und
wir kamen rechtzeitig an, um noch den Anfang mitzubekommen. Ich hatte mir
so etwas vorgestellt wie die Night of the Proms in London, aber
natürlich wurde das Konzert als nationales Ereignis zelebriert. Als wir
die Sicherheitskontrolle hinter uns hatten, hörten wir gerade General
Collin Powell etwas zur Wiedereingliederung der Soldaten sagen, die
zurückkommen. Viele von ihnen finden nicht mehr zurück in ein normales
Leben. Sie haben ihr Leben durch den Krieg hindurch gerettet, aber es
ist zerstört. Dann wieder Musik, getragene Lieder, ein Medley der
Musik aller Waffengattungen, ein Video über eine Frau, die ihren
19-jährigen Sohn vor 3 Monaten in Afghanistan verloren hat: „19 Jahre“
horte ich einen von unseren Jungen vor mir nachdenklich wiederholen. Die
Mutter kam wöchentlich einmal zum Grab ihres Sohnes nach Arlington
National Cemetery, saß dort bei Regen oder Schnee, und unterhielt sich
mit ihrem Sohn, indem sie Tagebuch schrieb. Eine Schauspielerin las, was
sie geschrieben hatte. Später sang eine Solistin, begleitet von NSO,
das Vater Unser. Ein Admiral des Joint Chiefs of Staffs sprach: „We are
a nation at war! ... ordinary people doing the extraordinary ... ,
giving all they can give for our freedom ..., our Gold Mothers”.
Ich habe nur diese Fetzen behalten. Noch einmal das Medley von
vorhin, dann war das Konzert zuende. „Freedom is not free“, heißt es
hier in Memorial-Day-Reden, das soll heißen: Man muss dafür bezahlen.
Bezweifelt wirklich niemand, ob es im Irak oder anderswo
überhaupt um die Freiheit Amerikas geht?