Einstein zum Klettern
Von Christian Oesterwinter

McLean. Dienstag, 29. Mai.
Mehr als 15 Stunden Proben liegen hinter uns, jeden Tag wenigstens 3
Stunden, Sonntag wie Alltag. Heute kam zum ersten Mal der Chor dazu,
außerdem wurde die Beschallung des Theatersaals justiert. Alle Stücke
klingen schon recht gut, aber morgen gibt es vor dem Konzert noch zwei
Proben, eine morgens und eine nachmittags. Dann gibt es in der Schule
ein Essen. Die Eltern bauen ein Buffet auf, Pot Luck Dinner heißt so
etwas hier. Den Einsatz vieler Gastelternfamilien nicht nur für ihre
Gäste sondern auch für das Konzert und das Gelingen der verschiedenen
Programmpunkte kann man gar nicht hoch genug schätzen: Ob Schüler von
oder zu den Proben gefahren werden müssen, ob wie gestern ein
Schwimmbadfest in einem Schwimmclub mit Grillen und der Möglichkeit zum
Tennis Spielen organisiert wird, immer finden sich Eltern, die helfen.
Bei Janet DuBose laufen alle Fäden zusammen, sie übersieht, wie viel
Zeit für alles gebraucht wird, telefoniert Hilfe herbei, falls nötig,
ihre Handynummer ist oft gefragt. Wo lässt man seine Tasche mit
Photoapparat und allen anderen unverzichtbaren Kleinigkeiten, wenn man
ins Weiße Haus will, wohin man nichts davon mitnehmen darf? Denn davor
steht ein Drachen von einem weiblichen Parkranger, die einen ankeift:
"You are not allowed to take this into the White House! Put it in the
trash can over there!" Natürlich weiß man so etwas hier vorher, ein
Vater kommt mit einem Kleinbus zu der U-Bahn-Station, an der wir uns
zur Fahrt nach Washington treffen, wir packen alles dahinein. Nach dem
Besuch im Weißen Haus steht er da und wir können unsere Habseligkeiten
wieder an uns nehmen. Praktisch für uns, dass dieser Vater drei
Arbeitsstunden geopfert hat.
Ach ja, wie war es überhaupt im Weißen Haus? Sehr kurz. Auch unsere
Gastgeber hatten erwartet, daß mehr zu sehen wäre. Vom Weißen Haus
wird den meisten die kratzbürstige Sicherheitsbeamtin in Erinnerung
bleiben. "Get off that fence!", You may not sit on that wall!" "Line up
in a single queue by alphabetical order!" Ostdeutsche Bürger haben das
gerade gut 18 Jahre hinter sich. Janet hat uns dann noch die
berühmteren Denkmäler auf der Mall gezeigt. Denkmäler sind so eine
Sache, für die meisten nicht der Hit. Aber nun liegt ja das Jefferson
Memorial sehr malerisch in der Landschaft. Das Roosevelt Memorial hatte
noch niemand von uns gesehen und zeigt, dass man Präsidenten auch so
verewigen kann, dass man sich erstaunt fragt, was das für ein Mann war.
Zum Schluss kamen wir bei Albert Einstein vorbei, auf dem kann man
herrlich herumkraxeln. Nach diesem langen Marsch nachmittags noch eine
anständige Probe abzuliefern war schon eine gepflegte Leistung.
