Presse-Echo
Cellist ist die treibende Kraft:
Von Nico Treutler wird
man noch hören
Detmolder Jugendorchester präsentierte sich in Hochform
Von Andreas Schwabe (Text/Foto)
Detmold. Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen, heißt
es. Das Detmolder Jugendorchester präsentierte jetzt in zwei Konzerten
seine ganz eigene Auslegung dieser Weisheit. Es erzählte nicht, es
musizierte - und zwar in Hochform. Und es präsentierte mit Nico
Treutler einen in den eigenen Reihen groß gewordenen Solisten, von dem
man noch hören wird.
Die Reise ging in die USA, genauer gesagt, in die Nähe von Washington
zur Partnerschule des Grabbe-Gymnasiums (die LZ berichtete). Zum
dritten Mal kamen Schülerinnen und Schüler beider Schulen zusammen, um
in diesem Jahr dort - im nächsten Jahr werden die Amis wieder hier sein
- gemeinsam ein Konzert vorzubereiten und zu spielen. Klar, dass nach
so intensiven zehn Tagen der Klang eines Orchesters enorm
zusammenwächst. Vor einer Woche kamen die Jugendlichen wieder zurück,
um jetzt im eigenen Konzertsaal den Funken auf ein jeweils erfreulich
zahlreiches Publikum überspringen zu lassen und darüber hinaus im
ersten Cellokonzert von Camille Saint-Saens reichlich Luft aus der Welt
großen Musizierens zu schnuppern.
Nico Treutler wurde zur treibenden Kraft auf der Reise in dieses
Wunderland der Musik. Im Grabbe-Gymnasium groß geworden, hat er so sich
so in das Cellospiel vertieft, dass die beiden zu einer begeisternden
Einheit zusammengewachsen sind. Insbesondere sein jetziger Lehrer
Professor Tillmann Wieck hat dem Jungstudenten Türen geöffnet, die
erstaunliche weitere Wege sichtbar werden lassen. Treutlers Ton hat
ungemein an kerniger Ausstrahlung und fesselnder Intensität gewonnen.
Er vermag schon spieltechnisch höchste Ansprüche nicht nur zu meistern,
sondern organisch in ein musikalisches Geschehen einzubetten.
Achtsamkeit für musikalische Partner
Und das auch in großer Achtsamkeit für seinen musikalischen Partner,
das Detmolder Jugendorchester, das in diesem Konzert geradezu über sich
hinaus gewachsen ist. Udo Mönks hat seine jungen Musiker - der nicht
nur hier brillant aufspielende Konzertmeister Michael Ziethen ist
gerade mal 16 Jahre alt und sei einmal stellvertretend für die vielen
anderen herausragenden Musiker genannt (Flöte und Horn etwa) - zu einem
differenziert und einfühlsam mitgehenden Klangkörper
zusammengeschlossen. Auch wenn rhythmisch klatschende Hände und
trommelnde Füße den Solisten vehement zur Zugabe baten, in der Treutler
mit einem atemberaubend gespielten ersten Satz aus Hindemiths
Solo-Sonate noch mal eins drauf setzte. Der Beifall galt auch dem
tollen Orchester.
Die Reise ging nach Amerika und prompt wartete das Programm mit einer
Zusammenstellung auf, die im alten Europa auch heute noch so manche
Stirn in Falten legt. In Amerika wird es kein Problem gewesen sein,
Mendelssohns Ouvertüre zu seinem "Paulus" - diese tief berührende
Orchestrierung des "Wachet auf ruft uns die Stimme" - in einem Atemzug
mit einem Potpourri der bekanntesten Melodien aus dem Musical "Les
Miserables" zu spielen. Dort ist die Empfindung des musikalisch Schönen
lange nicht mehr so mit der des Guten und Wahren verknüpft wie noch
hierzulande.
Ungeachtet dieser Tatsache ist dem Orchester nicht nur für diese beiden
Stücke eine ganz ausgezeichnete Darstellung zu bescheinigen, auch wenn
man sich so manche Musicalmelodie mit mehr Mut zur Sentimentalität
hätte vorstellen können. Auch Gershwins mit vielen rhythmischen
Fallstricken aufwartenden "Amerikaner in Paris" geriet ebenso zu einem
echten Hörvergnügen wie die galant den Abend eröffnende Sinfonia für
Doppelorchester von Johann Christian Bach.
LZ vom 14. Juni 2007